Dienstag, 7. Juni 2011

ADHS in der Schule

ADHS in der Schule
Vortrag an der Grund- und Hauptschule Jettingen
am 7.6.2011


I. Einleitung
II. Hauptteil
1. Wie erscheint ADHS in der Schule?
2. Wie wird ADHS in der Öffentlichkeite verhandelt?
3. Was ist ADHS tatsächlich?
4.Wie fühlt sich ein betroffenes Kind/ Jugendlicher?
5. Einige Empfehlungen zum Gespräch mit Eltern betroffener Schüler



I. Einleitung

Vielen Dank für Ihre Einladung.
Es freut mich, dass Sie Fr. Sonnenmoser und mir vom Bundesverband ADHS-Deutschland Gelegenheit geben, Ihnen Informationen zu ADHS weiterzureichen.
Es ist von großer Notwendigkeit, sich zu informieren und das Gespräch zu suchen – ich komme am Schluss meiner Ausführungen noch einmal darauf zurück.
Sie gehen hier an Ihrer Schule in die richtige Richtung. Darüber freue ich mich.

Meine Ausführungen habe ich in fünf verschiedene Fragen gegliedert.
Dabei gehe ich vom Äußeren ins Innere, also in der Weise vor, wie Ihnen als Pädagoginnen und Pädagogen ADHS bei betroffenen Schülern begegnet.




II. Hauptteil

1. Wie erscheint ADHS in der Schule?

ADHS zeigt sich nicht in einem Erscheinungsbild, sondern in Varianz. Die bekannteste Variante ist der unaufmerksam-hyperaktive Typ.
Betroffene Schüler sind leicht ablenkbar, motorisch ständig in Bewegung und bedürfen dauernder Aufmerksamkeitskontrolle.
Für Sie als Lehrerinnen und Lehrer ist diese Kontrolle schwer zu leisten, weil Sie vor einer ganzen Klasse stehen und nicht nur von einem einzelnen Schüler.

Oft zeigt sich diese Variante des ADHS in Verbindung mit Launenhaftigkeit und spontanen Reaktionen, die nicht immer zum Unterrichtsablauf passen.
Neben dieser Neigung zu mangelnder Impulskontrolle erscheint ADHS auch gelegentlich durch überzogene oder unbegründete Bockigkeit, als oppositionelles Verhalten.

Als Unterrichtender ist man mit einem dieser Züge ausreichend beschäftigt.
Treten mehrere oder alle bei einem betroffenen Schüler auf, ist der Ablauf einer Stunde mehr als in Frage gestellt.

Neben der unaufmerksam-hyperaktiven Variante des ADHS, die am häufigsten wahrgenommen wird, gibt es noch eine weitere, weniger bekannte Variante: Der unaufmerksame Typ ohne Hyperaktivität, das sog. hypoaktive ADS.

Hypoaktivität ist sehr häufig bei Mädchen anzutreffen bzw. wird bei ihnen stärker wahrgenommen.
Hypoaktive Schülerinnen und Schüler sind viel unauffälliger als hyperaktive. Sie wirken dadurch pflegeleichter.
Sie sind langsamer und erscheinen – fälschlicherweise - schwer von Begriff, aber zumindest stören sie nicht den Unterricht.
Sie sehen, dass bei der Wahrnehmung und Beurteilung von ADHS die Rahmenbedingungen eine Rolle spielen.

Als dritte Variante des ADHS ist diejenige zu nennen, die sich nicht durch fehlende Aufmerksamkeit, sondern durch fehlende Impulskontrolle auszeichnet; hier gerät die Namensgebung „ADHS“ an ihre Grenzen.
Schülerinnen und Schüler, die von dieser erst seit jüngster Zeit dem ADHS zugeordnete Variante leiden, neigen zu Wutanfällen, überzogenen Reaktionen, sind in schneller Abfolge himmelhochjauchzend und zu-Tode-betrübt.

Die Besonderheit des ADHS zeigt sich, wie Sie sehen können, an der Bandbreite der Symptomatik und in ihrer Uneindeutigkeit.
Jedes Symptom für sich genommen, ist keinem von uns unbekannt. Wir alle kennen Zeiten, in denen wir unaufmerksam oder launenhaft sind.
Meist aber stehen diese Phasen in Verbindung mit besonderen Lebensumständen. Bei Menschen mit ADHS erscheinen diese Symptome in Häufung, also als Syndrom und unwillkürlich.

Als weitere Problematik tritt beim ADHS hinzu, dass es häufig in Verbindung mit Begleiterkrankungen steht, z.B.
Lernschwächen
Tic-Störungen
Suchtverhalten
Essstörungen



ADHS erscheint verdeckt und es ist dann schwierig zu entscheiden, wo man pädagogisch bzw. didaktisch ansetzen kann.
Sie erkennen an diesem Punkt vielleicht schon, wie wesentlich Information und Offenheit für ADHS ist. Das Syndrom lädt zu vielen Sackgassen ein.


2. Wie wird ADHS öffentlich verhandelt?

Aus diesem Grund gibt es kaum ein psychiatrisch-neurologisches Phänomen, das derart umstritten verhandelt wird und zugleich derart populär ist.
Ähnlich wie bei Depression steht die Beurteilung von ADHS sehr in Abhängigkeit zur allgemeinen öffentlichen Einschätzung.
Aufklärung und Information in Bezug auf ADHS bedeutet Mündigwerden.
Ich nenne drei Schlaglichter einer verfehlten Beurteilung:

ADHS wird als Erziehungsfehler betrachtet
Gerhild Drüe, Pädagogin und Autorin des Buches „ADHS kontrovers“ sieht eine wesentliche Ursache für diese einseitige und darin verfehlte Einschätzung die Psychologisierung der Pädagogik.
Störungen und Auffälligkeiten werden dem familiären Umfeld zugeordnet, leider häufig auch dem Duktus der Psychoanalyse folgend dem mütterlichen Einwirken.
Natürlich kann dieser Faktor eine Rolle spielen, insbesondere wenn nicht nur das Kind sondern auch ein Elternteil von ADHS betroffen ist.
Aber eine einseitige Zuordnung steht eher in Zusammenhang mit einer Ideologisierung des ADHS als mit einer sachlich angemessenen Reflexion.

ADHS wird als Hinweis auf eine verborgene Hochbegabung gesehen
Gelegentlich neigen Eltern zu dieser Auffasssung, weil sie sich das Verhalten ihres Kindes und die damit einhergehenden Probleme nur durch Unterforderung erklären und zugleich die Problematik ins Positive lenken können.
Zwar gibt es unter ADHS-Betroffenen viele sehr begabte Menschen, Hesse, Edison oder Mozart. Aber ein ausgesprochenes Hochbegabungsmerkmal ist ADHS nicht.
Es tritt sowohl bei Hochbegabungen, als auch bei normal- und minderbegabten Menschen auf.

ADHS wird als Modeerkrankung verhandelt
Schließlich wird ADHS gerne als Modeerkrankung betrachtet – einem Duktus, dem gerade in den Medien gerne Folge geleistet wird.
Hier zum Ausdruck, wie stark ADHS in seiner Beurteilung vom gesellschaftlichen Rahmen abhängig ist.
Wir leben in einer Zeit, die Symptome des ADHS provoziert und herausstellt.
Die sehr starke und nicht immer gerechtfertigte Zunahme an Diagnosen und Medikationen hat mit dem derzeitigen Unvermögen zu tun, wirkliches ADHS von adhs-ähnlichen Erscheinungsweisen zu unterscheiden.
Eine Diagnose des echten ADHS bedarf Zeit und einer gewissen Kompetenz. Fehlt beides kommt es nicht selten zu Fehldiagnosen und -medikationen.
Fakt ist, dass die Betroffenheit von wirklichem ADHS in einer Bevölkerung konstant ist und das Phänomen ADHS alt ist und keineswegs eine neue Erkrankung.



3. Was ist ADHS tatsächlich?

ADHS ist eine Variante des Verhaltens und der Wahrnehmung. Es zeigt sich in einer Bandbreite an Symptomen und dieses Symptome in unterschiedlich ausgeprägter Stärke.
ADHS kann sich in extremen Fällen als Störung zeigen, aber viele Betroffene haben gelernt, im Laufe der Zeit mit den Symptomen umzugehen, manchmal sogar Gewinn aus ihrem ADHS zu ziehen.
ADHS hat demnach eine Krankheitsseite und eine Seite der Möglichkeiten.

Das Syndrom ist ein neurologisch-psychiatrisch erfasstes und erforschtes Phänomen.
Es wird durch Schwankungen und Unausgewogenenheiten des Gehirnstoffwechsels verursacht.
Die Weitergabe an Nervenreizen bzw. Informationen über die Synapsen geschieht unregelmäßig.
Daraus ergeben sich die Symptome wie Unaufmerksamkeit, Launenhaftigkeit, Impulsivität usw.

Die Grundanlage für das ADHS ist Vererbung; die Heritabilität ist enorm hoch.
Im Lauf der Reifung des Gehirns kann ADHS verschwinden, doch bei einer großen Zahl von Menschen bleibt es im Erwachsenenalter bestehen.
Hier allerdings zumeist gänzlich verdeckt unter Kommorbiditäten (Begleiterkrankungen) wie Depression und Suchtverhalten.
Neben der unverkennbar hohen genetischen Disposition müssen auch die Ursachen in Erwägung gezogen werden, die diese Veranlagung befördern (Epigenese).
Das führt uns in den schulischen Bereich.


4. Wie fühlt sich ein betroffenes Kind/ Jugendlicher?

Ich nenne auch hier drei Schlaglichter:

Betroffene fühlen sich anders. Sie ecken an, ohne zu verstehen, warum sie stören.
Sie leiden unter den Nachteilen des ADHS, nehmen Kritik und Ablehnung stark wahr und reagieren stark darauf.

Schule wird für betroffene Kinder und Jugendliche aus mehreren Gründen als unangenehm empfunden:
Der Unterricht zielt auf abstrakten Lernstoff und abstrakte Resultate (Klassenarbeiten); Menschen mit ADHS hingegen arbeiten gerne in Projekten oder konkrete Ziele hin.
Am Ende einer langen Lerneinheit Wissen abzurufen gelingt ihnen oft nur unzureichend; sie bleiben hinter ihren Fähigkeiten zurück.

Ein Schultag ist lange. Durch die Hausaufgaben wird er noch verlängert. Die unangenehme Schulzeit setzt sich auch zu Hause fort.
Häufig können sich betroffene Schüler nicht mehr motivieren; Folge: Hausaufgaben werden nicht gemacht.

Das „Schulgewimmel“ wird von Schülern mit ADHS als unangenehm empfunden. Sie können sich nicht zurückziehen.
Im Unterricht ist durchgängig Konzentration verlangt, in den Pausen kippt das ganze in Diffussion; dieses Wechselspiel ist sehr anstrengend.



5. Empfehlungen für Gespräche mit Eltern betroffener Schüler

Rechtzeitig das Gespräch mit den Erziehungsberechtigten suchen: Kurz vor Zeugnissen, Versetzungen oder Schulempfehlungen das Gespräch zu suchen, ist in der Regel zu spät. Die Situation für Sie als Lehrer und die des Schülers hat sich dann oft zugespitzt und die Zeit reicht nicht mehr aus, um konstruktive Überlegungen anzustellen.

Von Vorwürfen oder vermuteten Diagnosen absehen
In Gesprächen mit Eltern von ADHS-Kindern wurde mir gelegentlich geschildert, dass sie mit der dringenden Empfehlung von Lehrern konfrontiert wurden, ihrem Kind Ritalin verordnen zu lassen. Eine Diagnosestellung und medikamentöse Behandlung ist immer Sache eines Mediziners. Die Vorfestlegung eines Kindes auf ADHS erschwert einen sachgemäßen Umgang.
Insbesondere Kinder, die von der hyperaktiven Variante des ADHS betroffen sind, neigen zu verbalen oder körperlichen Ausfällen. Es ist nicht sinnvoll, von diesen Verhaltensweisen auf den Erziehungsstil der Eltern zu schließen. Oft sind diese selbst ratlos und erschrocken über das Verhalten ihres Kindes.

Das Kindeswohl im Rahmen der schulischen Möglichkeiten und Grenzen ins Zentrum rücken
Bei aller Schwierigkeit, die Lehrern die Arbeit mit ADHS-Schülern verursacht, verhilft es zu einer differenzierten Vorhergehensweise, sich vor Augen zu halten, dass das Kind im Mittelpunkt steht. Förderbeschulung, wie in manchen Fällen empfohlen, ist nur in äußerst extremen Fällen hilfreich; in den meisten Fällen von ADHS-Schülern greift sie nicht


Gesprächsverlauf:
1. rechtzeitig das Gespräch suchen
2. sich vor Augen halten, dass die Familien, insbesondere die Mütter oft bereits einen Leidensweg hinter sich haben
3. sich vor Augen halten, dass man im Elterngespräch evtl. auch auf Impulsivität stoßen kann
4. eine breit aufgestellte Gesprächsbereitschaft anzeigen; ADHS betrifft Schule, Elternhaus und Therapie gleichermaßen – hier Kontakt halten bzw. anzeigen, dass man ihn halten will.

Dienstag, 15. Juni 2010

Die Dimensionen des ADHS

Script zum Vortrag vom 20.5.2010 in Böblingen:
Dimensionen des ADHS - Was bedeutet es, von ADHS betroffen zu sein


Zwei Perspektiven
Wie betrachten wir als Betroffene ADHS? In erster Linie sehen wir Betroffene die unmittelbaren Auswirkungen des ADHS. Den Symptomen gilt unsere Aufmerksamkeit. Ebenso der Frage nach Diagnose, Therapie und Medikamenten. Unter diesem Gesichtspunkt, dem der Diagnose und Behandlung, wird ADHS zu einer Krankheit. Es hat jedoch, und das ist das Bemerkenswerte an ADHS, sehr viele Dimensionen. Es ist facettenreich und brillant, nicht nur bezogen auf die eigene Betroffenheit, sondern auch wie ADHS von der Umwelt gesehen wird. Jene Sichtweise hat wesentlichen Einfluss auf die persönliche. Um ADHS gerecht zu werden, ist es also entscheidend, die Verbindung und die Abhängigkeit zwischen der eigenen und der äußeren Sichtweise zu ermessen. Ich setze an den Beginn meiner Ausführungen ein Zitat aus der Nord-West-Zeitung, in dem beide Perspektiven gut zum Ausdruck gebracht werden:
„ADHS wird mehr denn je anerkannt als eine Besonderheit in der Verhaltenssteuerung. Sie ist ein vor allem ein genetisch bedingtes Leiden, das nicht nur den Betroffenen, sondern auch ihrer Umwelt Leiden schafft.“ Impulsivität, Ablenkbarkeit und nicht selten eine große Unruhe machten es den Betroffenen schwer, in einer komplizierten Gesellschaft, den eigenen Weg zu finden.
Nord-West-Zeitung; Art. Symposium „ADHS in Schule und Beruf“; 14.4.´10
http://www.nwzonline.de/Region/Kreis/Wesermarsch/Nordenham/Artikel/2319928/ADHS+zwischen+Schule+und+Beruf.html


Verantwortung
Impulsivität, Unruhe, Ablenkbarkeit sind Symptome des ADHS. Jedes dieser Symptome prägt unser Leben. Wir sind gehalten, Unruhe und Impulsivität in Bahnen zu lenken, mit Unaufmerksamkeit und Ablenkbarkeit umzugehen. Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe.
Lynn Weiss schreibt dazu: „Die Wahrheit ist – und Sie und ich wissen das aus eigener Erfahrung -, dass ADS-Züge einen in Schwierigkeiten bringen. Aber das bedeutet nicht, dass mit Ihnen etwas nicht stimmt. Es bedeutet lediglich, dass die Art und Weise, wie Sie verdrahtet sind, unter Umständen nicht sehr gut zu den Anforderungen einer bestimmten Situation passt. .. Doch was auch immer die Ursache für die Schwierigkeit ist, die Verantwortung, mit Ihrer Situation zurande zu kommen, liegt bei Ihnen.“ Nicht Diagnose, Therapie und Medikation, sondern Verantwortung ist der Ausgangspunkt für Umgang mit ADHS. Er verbindet die eigene Verfassung, die „Besonderheiten in der Verhaltenssteuerung“ mit der Reflexion der äußeren Lebensumstände.

Die Wahrnehmung der Anderen
Dieses Unterfangen kann aber nicht ohne den Blick auf unsere Umwelt in Angriff genommen werden. Die Bedeutung des ADHS in unserem Leben hängt wesentlich von der Weise ab, wie wir durch unser Umfeld damit konfrontiert werden. Die Niederländerin Karin Windt macht in ihrem Buch „ADD – The Hidden Obstacle“ (ADHS – das verborgene Hindernis) ein Gedankenexperiment. Sie versetzt ADHS in die Zukunft. Vieles wird dann vom PC aus über das Internet geleistet werden, Einkäufe oder berufliche Aufgaben beispielsweise. Es ist denkbar, dass diese Entwicklung Menschen mit ADHS entgegenkommt und die Betroffenheit davon gar nicht mehr so drängend erscheint wie gegenwärtig. Ob das tatsächlich der Fall ist, wird man sehen. Doch der Gedanke von Karin Windt, dass die gesellschaftliche Wahrnehmung von ADHS wesentlich in Abhängigkeit zu den Zeitumständen steht, ist richtig.Ein anderes Beispiel: Die ADHS-Spezialistin Astrid Neuy-Barthmann äußerte während des Sindelfinger ADHS-Symposiums 2009, dass sich ohne Zweifel der Einsatz von Ritalin verringern ließe, wenn die Schülerzahlen in den Klassen kleiner und die Möglichkeiten der individuellen Betreuung besser gewährleistet wären. Sie brachte damit zum Ausdruck, dass über die Medikation die problematischen schulischen Rahmenbedingungen bewältigt werden. Die Vielgestaltigkeit des Syndroms birgt die Gefahr, dass bei einer undifferenzierten Betrachtung ADHS zum Ersatzkonflikt für Auseinandersetzungen wird, die andernorts geführt werden müsste. Was für Kinder und Jugendliche im Blick auf die Schule, gilt für erwachsene ADHS-Betroffene im Blick auf die beruflichen Erwartungen.

Die Erwartungsgesellschaft
Wir leben, wie das eingangs erwähnte Zitat deutlich macht, in einer komplizierten werdenden Gesellschaft. Der Leistungsdruck des einzelnen erhöht sich; wir müssen beruflich funktionieren. Von diesem Funktionieren ist viel abhängig: Unsere Lebensplanung, unser Auskommen bzw. das unserer Familien. Wenn wir scheitern, wenn wir nicht funktionieren, stellen wir unsere Lebensgrundlagen in Frage. Menschen mit ADHS sind viel häufiger als Menschen ohne ADHS der Gefahr des Scheiterns ausgesetzt. Doch hinterfragen wir einmal dieses Scheitern? Wir sind gehalten, den wirtschaftlichen Anforderungen in unserer Gesellschaft gerecht zu werden. Unsere Arbeitskraft und Leistungsfähigkeit müssen sich als lohnenswert erweisen. Sie dürfen keine Sprünge oder Unberechenbarkeiten wie Krankheit oder Behinderung aufweisen. Unsere in entscheidender Hinsicht auf wirtschaftliche Leistung ausgelegte Gesellschaft verlangt optimale Leistungsfähigkeit. Unsere Erwartungsgesellschaft zeichnet sich in der Hauptsache durch ökonomische Erwartungen aus. Sich an die wirtschaftlichen Gegebenheiten anzupassen, ist, wie man am gegenwärtigen politischen Geschehen erkennen kann, das Gebot der Stunde. Doch wer kann die Erwartung beständiger Willfährigkeit und Leistungsfähigkeit tatsächlich garantieren? Im Grunde ist kaum jemand dazu in der Lage und dennoch richten wir uns nach dieser Vorgabe. Die Schriftstellerin Julie Zeh beklagt diese „Bereitschaft zur Selbstausbeutung“. Menschen mit ADHS haben es in einem solchen Umfeld schwer. Sie scheitern, selbst wenn sie diese Bereitschaft haben, die geforderten Leistungen zu erfüllen. Sie widersprechen einem dem Ideal der ökonomisierten, d.h. auf wirtschaftliche Gesichtspunkte ausgerichteten Weltanschauung (R. Willemsen). Die Gefahr durch das Raster der Erwartungsgesellschaft zu fallen ist für Menschen mit ADHS höher. Der bestehende Druck lässt kaum Gelegenheit, sich der Frage zuzuwenden, welches Raster denn für sie das passende ist. Wenn es um die eigene Lebensführung geht, ist allerdings diese Frage die wesentliche. Gewiss nicht ohne sich vollständig den gesellschaftlichen Erwartungen zu entziehen, das wird kaum möglich sein. Als Betroffene müssen wir allerdings zunächst nach uns fragen, nach unseren Begabungen und unseren Grenzen. Dann im folgenden Schritt müssen wir auf das achten, was uns umgibt, also was die Umstände, in denen wir leben, von uns verlangen. Gehen wir den umgekehrten Weg, also von den Erwartungen ausgehend, erleben wir uns viel öfters als gescheiterte Menschen. Unter dieser Voraussetzung ist es im Grunde kaum mehr möglich, eine andere Perspektive als die des Mangels und des Defizites einzunehmen.

Die Dimensionen des ADHS
Betrachtet man ADHS vom Standpunkt der Umstände und Erwartungen aus, ist es schlüssig, das Syndrom als Behinderung, Handicap oder Krankheit zu bezeichnen. Aber ADHS zeichnet sich eben nicht nur durch diese Seite. Der Artikel der NWZ bezeichnet ADHS zu Recht neutral, als „Besonderheit der Verhaltenssteuerung“.
Ähnlich sieht es auch Lynn Weiss. Sie spricht von einer „alternativen Verdrahtung“ des Gehirns. Diese Definition wird dem neurologischen Befund des ADHS gerechter als diejenige, die grundsätzlich von Krankheit und Behinderung spricht. Natürlich gibt es die Krankheits- und Behinderungsseite des ADHS.
Aber es gibt auch ADHS-Eigenschaften wie
Kreativität
das Vermögen, Querverbindungen herzustellen
ein besonderer Sinn für Gerechtigkeit

Wenn ich von mir als ADHS-Betroffener spreche, muss ich sowohl diejenige Symptome einbeziehen, die es mir schwer machen, im Leben zurecht zu kommen und einer Behandlung bedürfen. Ich muss ebenso den anderen, positiven Eigenschaften Raum in meinem Leben geben. Die Möglichkeiten und Grenzen aufeinander zu beziehen, d.h. auf Gaben (wie der Kreativität) zurückzugreifen und mit den Unzulänglichkeiten (wie der mangelnden Impulskontrolle) umzugehen, ist die große Herausforderung eines ADHS-Lebens. In diesem Zusammenhang bemerkenswert ist, dass Betroffene ihr ADHS als für ihre Persönlichkeit kennzeichnenden Teil betrachten. Auf die Frage, ob sie, wenn es möglich wäre, ihr ADHS ablegen könnten, antwortet eine nicht geringe Zahl, dass ADHS zu ihnen gehöre und sie sich nicht ohne es vorstellen können.

Doch unter dem Eindruck des Scheiterns ist es kaum möglich, sich auf seine Stärken zu besinnen. Menschen mit ADHS erleben sich grundsätzlicher in der Verfassung, Anforderungen nicht stemmen zu können, die bewältigbar zu sein scheinen. Viele entwickeln aus dieser Erfahrung eine Lebenshaltung des Sich-Selbst-Hinterfragens und beständigen Sich-Rechtfertigen-Müssens. Diese Erfahrung mündet entweder in eine aggressiven, aufreibenden Dauerwiderstand gegen alles und jeden oder in eine grundsätzlich defensive Lebenshaltung. Als Beispiel für letzteres sei eine Anekdote aus Karin Windts Buch erwähnt. Sie erzählt, dass jemand versuchte, ihr Fahrrad zu stehlen – sie hatte vergessen, es abzuschließen. Als sie den Dieb stellte, erklärte ihr dieser dreist, dass sie selbst die Schuld am Diebstahl trüge, denn es sei sträflich unaufmerksam von ihr gewesen, das Rad ungesichert abzustellen. Aus der Erfahrung des grundsätzlichen Sich-In-Frage-Stellens gab sie dem Dieb tatsächlich Recht. So bizarr dieses Beispiel wirkt, so sehr zeigt es doch, dass das eigene Empfinden von angemessen und unverhältnismäßig durch die dauerhafte Erfahrung des Scheiterns verzerrt werden kann. Um dieser Verzerrung entgegenzutreten, bedeutet dies für Menschen mit ADHS sich bewusst und ohne primären Blick auf die Lebensumstände, den Fragen zu stellen:
Was passt zu mir?
Wo bedarf ich äußerer Hilfestellung?
Wie und wo kann ich meine Möglichkeiten und Gaben zur Geltung bringen?
Welche Erwartungen an mich sind angemessen und gerechtfertigt; welchen muss ich mich stellen?
Welche Erwartungen sind für mich nicht erfüllbar?

Die Antworten können lauten, eine Medikation zu beanspruchen, wenn sich der Alltag dadurch leichter bewältigen lässt. Sie kann bedeuteten, eine Halbtagsbeschäftigung ins Auge zu fassen, wenn die berufliche Situation überfordert (dabei müssen die finanziellen Konsequenzen aufrichtig bedacht werden). All dies führt dazu, zu erkennen, dass „ADS .. viele gute Seiten hat, man muss nur die Hierarchie der Besonderheiten erkennen, sie nicht bekämpfen, sondern sich ihrer bedienen, um seine Persönlichkeit voll entfalten zu können.“ (Helga Simchen)
Insgesamt ist bei der Betrachtung von ADHS ist zu beachten, dass es in erster Linie zwar den einzelnen betrifft, aber eben auch durch die Gesellschaft beansprucht und gedeutet wird. Wir halten uns nicht in einem Raum auf, bei dem nur die individuellen Befindlichkeiten und Einschätzung im Blick auf unser ADHS maßgeblich sind. Wir befinden uns stets in einem Wechselspiel mit der Gesellschaft und den in ihr herrschenden Umständen. Deshalb sind der Erfahrungsaustausch und Kenntnis um ADHS unverzichtbar, um Klarheit und Klärung herbeizuführen.

Das Zitat von Helga Simchen zeigt, dass ADHS keine reine Behinderung ist, sondern zugleich eine Chance bedeutet. Unleugbar leben wir in einer Zeit, die es Betroffenen, insbesondere Kindern und Jugendlichen nicht leicht macht. Umso wichtiger ist es, sich seiner Möglichkeiten bewusst zu werden und seine Gaben zu fördern. Hermann Hesse, der in ausgeprägtem Maße von ADHS betroffen war, viele Krümmungen seines Lebensweges durchschritt und nicht wenige innere und äußere Kämpfe austragen musste, kam dennoch zu einer positiven Lebenseinstellung. Davon künden die Zeilen seines wunderbaren Gedichtes „Stufen“, aus dem ich am Ende zitiere:

Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Montag, 25. Januar 2010

Neue Bücher zum Thema ADHS

Das Interesse an Informationen über ADHS nimmt zu. Eine thematisch gegliederte Literaturliste finden Sie auf den Startseiten folgender Buchhandlungen:

www. buchhandlung-stadtkirche.de
www.buchhandlung-hospitalkirche.de

Dienstag, 18. August 2009

Kranke Gesellschaft oder kranke Menschen?

Über die Frage, was ADS ist, gewinnen wir in Bezug auf die neurobiologischen Zusammenhänge, Zug um Zug ein genaueres Bild. Was ist ADS jedoch? Immer kontroverser wird die Bewertung von ADS diskutiert. Warum werden gegenwärtig so viele Diagnosen gestellt? Wie ist ADS anzusehen, als Behinderung, Marketingaktion, als menschliche Sonderausstattung oder als eingebildete Krankheit? Welchen Einfluss nimmt die Gesellschaft auf das Bild von ADS; ist ADS ein Erweis unserer kranken Gesellschaft? Dass ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen ADS und Gesellschaft besteht, vermuteten Hallowell/ Ratey in ihren Ausführungen zur Pseudo-ADD (in: Zwanghaft zerstreut, Reinbek 2000; S. 289ff). Wenn dieser Zusammenhang nachzuweisen ist, dann wäre unter den vielen Rollen, die ADS erfüllt, auch die eines gesellschaftlichen Deuteschemas zu nennen. Die Deutung von ADS geht also in zwei Richtungen. ADS wird gesellschaftlich in einer bestimmten Weisen eingeschätzt. Aber von ADS ausgehend, kann auch die Zeit, in der wir leben bzw. wie wir miteinander leben, bewertet werden.

Dienstag, 16. September 2008

Hilfreiche Links und Informationen

Für Betroffene und Angehörige ist nichts so wichtig wie Information über ADHS. Leider muss man sagen, dass die mediale Berichterstattung, die uns über Zeitungen, Zeitschriften und das Fernsehen erreicht, als Informationsquelle nicht dienlich, gelegentlich sogar schädlich ist: So schrieb Dr.J. Streif über einen Beitrag zum Thema ADHS in der renomierten Zeitschrift "Bild der Wissenschaft" (1/08): "Die inhaltlichen Mängel des Artikes sind dabei so schwerwiegend, dass sie nicht mehr als Polemik in einer bisweilen zu Recht kritisch geführten öffentlichen Auseinandersetzung mit Fragen der Pädagogik und Therapie abgetan werden können." (Streif, in: neue Akzente Nr. 78/ 2008, S.40)

Folgende Links, die Sie in der Sidebar aufrufen können, helfen Ihnen weiter. Sie geben Ihnen differenziert Informationen und nennen Ihnen weitere Quellen:

1. Bundesverband ADHS - Deutschland e.V.: Der Bundesverband ist ein Zusammschluss von Betroffenen, Angehörigen und Spezialisten. Die Webseite gewährt aktuell und kompetent Information. Ferner nennt sie Beratungsstellen und Gesprächsgruppen im ganzen Bundesgebiet. Das Organ des Bundesverbandes ist die
Zeitschrift neue Akzente.

4. Elternselbsthilfe ADS-Frankfurt: Diese hervoragend organisierte Webseite wendet sich unter anderem an erwachsene Betroffene und Angehörige.

5. Links zu Gesprächskreisen und Selbsthilfegruppen in Württemberg:
Ostfildern: Ansprechpartner: B. und K.H. Fuchs
Böblingen-Sindelfingen: Ansprechpartner: B. Sonnenmoser

Samstag, 6. September 2008

Die Hellsicht des Zwiespaltes

Cover-HellsichtDas Buch: Mitte August ist mein Buch Die Hellsicht des Zwiespaltes erschienen. Ziel dieses Buches ist es, der Frage nachzugehen, wie Menschen, die von AD(H)S betroffen sind, ihre Welt sehen und sie deuten.

DerAutor: Mein Name ist Uwe Metz. Ich bin 1968 in Gießen geboren. Nach einer Ausbildung zum Buchhändler, studierte ich ev. Theologie und war einige Jahre im kirchlichen Dienst tätig. Mittlerweile arbeite ich wieder als Buchhändler in einer theologischen und religionspädagogischen Fachbuchhandlung in Süddeutschland, schreibe und veröffentliche. Ich bin Mitglied im Bundesverband ADHS-Deutschland und Teilnehmer an der Gesprächsgruppe des Bundesverbandes in Böblingen.

Um was geht es in meinem Buch? AD(H)S ist zwiespältig. Zunächst weil es sich nicht äußerlich ansehen lässt. Man kann nicht anhand eines Stocks oder einer Brille erkennen, dass jemand davon betroffen ist. AD(H)S ist unsichbar.
Die Symptome zeigen sich bei jedem Menschen, nicht nur bei Menschen mit AD(H)S. Jeder kennt Zeiten von Unkonzentriertheit oder Stimmungswechsel. Die einzelnen Symptome sprechen nicht automatisch für AD(H)S. Zugleich steht das Syndrom auffällig oft im Zusammenhang mit anderen neurologischen und psychatrischen Erkrankungen, kann mit ihnen verwechselt oder von ihnen verdeckt werden. Die Feststellung von AD(H)S verlangt besondere Kenntnisse.
AD(H)S ist keine reine Störung oder Krankheit. Es hat auch positive Seiten, von der Kreativität bis zur besonderen Begabung, Querverbindungen herzustellen und aus ihnen neue Einsichten und Ideen zu entwickeln.
Schließlich leben Betroffene selbst in einem Zustand innerer und äußerer Zwiespältigkeit. Herausforderungen und Reize sind eine Weise, dem beunruhigen Gefühl der Zwiespältigkeit zu entgehen.
Das Buch geht diesen vier "Zwiespältigkeiten" des AD(H)S nach, nennt ihren Einfluss auf das Leben von Betroffenen und zeigt einen Weg, in ein gutes Verhältnis mit der eigenen Betroffenenheit zu treten.


Was ist der Inhalt des Buches Das erste Kapitel erklärt, was es mit dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom auf sich hat. Das zweite Kapitel befasst sich mit dem Leben des amerikanischen Schriftstellers E.A. Poe, der ADHS hatte. Im dritten Kapitel nenne ich zwei moderne Deutungsversuche, was ADHS sei und im vierten Kapitel schildert ein Betroffener seinen Umgang mit ADHS. In einem Anhang findet der Leser, die Leserin eine Liste von empfohlender Literatur mit ausführlichen Besprechungen. Informationen und eine Leseprobe können unter der Website des Verlages Shaker-Media eingesehen werden.
Das Buch ist über den Buchhandel erhältlich oder direkt bei Shaker-Media.

Wie sehe ich ADHS: Gemeinhin wird das Syndrom als Störung und Behinderung betrachtet. Aufmerksamkeit, Lernfähigkeit bis zur sozialen Kompetenz sind eingeschränkt. Im Zusammenhang mit ADHS stehen häufig Suchterkrankungen. Betroffene fühlen sich durch ihre Launen und Impulse überfordert und aufgrund ihrer zerfasernden Wahrnehmung in ständigem Zwiespalt mit ihrer Umwelt. Diese Leidensseite des Syndrom stellt einen Aspekt dar. Darüber kommt die Seite der Möglichkeiten häufig zu kurz: Menschen mit ADHS sehen Zusammenhänge und Umstände oft mit großer Hellsicht und einer überraschenden Originalität. Sie bringen Neues und Kreatives hervor. Es ist daher nicht möglich, ADHS als reine Krankheit zu betrachten. Um Betroffenen gerecht zu werden, müssen beide Seiten betrachtet werden. Da ein verantwortlicher Umgang für erwachsene Betroffene mit ihrer besonderen Verfassung entscheidend ist (Kinder können diese Verantwortung noch nicht, Jugendliche nur eingeschränkt übernehmen), gilt es, beide Seiten des ADHS zu kennen und die Seite der Möglichkeiten und kreativen Kraft zu fördern.



Mit herzlichem Gruß
Ihr
Uwe Metz

Cover-Hellsicht

Covermotiv: Susanne Albrecht, Lyrikreativ

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